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Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften online

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Der Sittenkommissar und die Badeverordnungen

Bildquelle: Der Gendarm als Sittenkommissar, Ausschnitt aus: Das interessante Blatt, 11. September 1924, S. 1. ANNO/ÖNB.

Um die Jahrhundertwende begannen sich Frauen und Männer freizügiger zu kleiden. Diese Freizügigkeit, die auch vor Schwimmbädern keinen Halt machte, war der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Man sah die Sittlichkeit und Moral in Gefahr, sollten sich die Menschen gar zu offenherzig zeigen. Deshalb wurde durch diverse Verordnungen vorgeschrieben, was man beim Badevergnügen tragen durfte (vgl. Bregenzer/Vorarlberger Tagblatt, 13. Juni 1926, S. 5).

Auch das gemeinsame Baden von Männern und Frauen war vor allem vonseiten der katholischen Geistlichkeit verpönt. In einigen Badeorten gab es sogar separate Bereiche für die beiden Geschlechter. Zudem wurde penibel genau darauf geachtet, dass kein Hautstück zu viel gezeigt wurde (vgl. Bregenzer/Vorarlberger Tagblatt, 13. Juni 1926, S. 5). Doch nicht alle waren mit derartigen Bestimmungen einverstanden. So stellte die Arbeiter Zeitung im Juli 1930 in einem Artikel die Frage, ob man das gemeinsame Baden überhaupt verbieten dürfte (vgl. Arbeiter-Zeitung, 20. Juli 1930, S. 9).

Die Einhaltung der Baderegelungen wurde meist durch einen Gendarm, der als Sittenkommissar fungierte überprüft. Das interessante Blatt berichtete 1924 von einem ungarischen Gendarm, der im Badeort Balatonfüred eine Dame aufs Kommissariat brachte, da ihr Badekleid für zu kurz befunden wurde (vgl. Das interessante Blatt, 11. September 1924, S. 5).

In Preußen sah man sich 1932 sogar bemüßigt, den öffentlichen Anstand durch eine Badepolizeiverordnung zu wahren. Dr. Franz Bracht, der stellvertretende Reichskommissar, verordnete einen Runderlass, der unter anderem besagte: "Das öffentliche Nacktbaden oder Baden in anstößiger Badekleidung ist verboten […] In und am Wasser ist jedes Verhalten zu unterlassen, das in sittlicher Beziehung Aergernis zu geben geeignet ist […] Gegen die Nichtbefolgung wird die Festsetzung von Zwangsgeld bis zu 150 Reichsmark angedroht" (Reichspost, 23. August 1932, S. 7).

Diese Badepolizeiverordnung ging im Volksmund als sogenannter Zwickelerlass in die Geschichte ein, denn die Verordnung enthielt eine Bestimmung, die detailliert vorschrieb, dass Badeanzüge und Badehosen mit einem Zwickel versehen werden sollten. Dies sorgte nicht nur in Preußen für große Heiterkeit in der Presse, denn die wenigsten Menschen hatten eine Vorstellung davon, was ein Zwickel überhaupt sein sollte. Einige Tage nach Veröffentlichung des Erlasses wurde eine amtliche Erklärung abgegeben, wonach ein Zwickel „ein rhomboidartiger Stoffeinsatz im Schritt“ sei (vgl. Volksblatt für Stadt und Land, 16. Oktober 1932, S. 20).

Der Zwickelerlass wurde zehn Jahre später mit einer neuen Polizeiverordnung zur Regelung des Badewesens außer Kraft gesetzt (vgl. Deutsches Reichsgesetzblatt, Verordnung Nr. 77, 15. Juli 1942, S. 461). Heute gilt der Zwickelerlass noch immer als Sinnbild für unangemessenes Eingreifen des Staates in persönliche Angelegenheiten.

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